Aug 012015
 

Belgien/André Leysen

Ein Unternehmer mit Vision und ein großer Europäer/ Retter der belgischen Zeitung ,,De Standaard‘‘/Deutschland war seine zweite Heimat/Zum Tod von André Leysen

Von HELMUT HETZEL

Antwerpen. ,,Krisen sind Herausforderungen.‘‘ Wie wahr diese Einsicht von André Leysen ist, das hat die Griechenland-Krise in der EU und der Eurozone in den vergangenen Wochen und Monaten erneut bewiesen. André Leysen aber konnte den neuen Deal, um die Griechen in der Eurozone zu halten, nicht mehr miterleben. Er starb am vergangenen Sonntag im Alter von 88 Jahren in Antwerpen. Mit ihm ist ein Unternehmer mit Vision, ein scharfer Analytiker und Denker und ein großer Europäer von uns gegangen.

 

André Leysen war auch ein großer Belgier und Flame, aber seine zweite Heimat war Deutschland. Bei ihm zu Hause in Antwerpen wurde Deutsch gesprochen. Seine Frau Anne Ahlers, die er 1951 heiratete und mit der er die beiden Söhne Christian und Thomas hat, war Zeit seines Lebens die Stütze an seiner Seite. Und sein Leben war ein rasantes. Am 11. Juni 1927 in eine flämische Unternehmersfamilie hineingeboren, entwickelte Leysen schon als Kind den Unternehmergeist, der ihn später als Manager so auszeichnete. Die ersten Sporen verdiente er sich dann mit dem Hafenbetrieb seiner deutschen Schwiegereltern im Antwerpener Hafen. Von dem Unternehmen trennte er sich und stieg mit den frei werdenden finanziellen Mitteln bei der belgischen Foto-Gruppe Agfa-Geveart ein, deren Vorstandschef er 1978 wurde und die er später an die deutsche Bayer AG verkaufte.

 

Zwei Jahre früher war es André Leysen, der die kurz vor dem Konkurs stehende flämische Tageszeitung ,,De Standaard‘‘ 1976 rettete. Heute ist die Standaard-Gruppe, die inzwischen von seinem Sohn Thomas geleitet wird und unter dem Namen Corelio firmiert, die führende und einflussreichste Mediengruppe Belgiens und der Niederlande, wo sie das NRC-Handelsblad besitzt.

Aber das Wirken von André Leysen, der auch Vorsitzender des belgischen Arbeitgeberverbandes war, beschränkte sich nicht auf Belgien. Besonders aktiv war er in Deutschland und in den Niederlanden. Er saß in den Aufsichtsräten von BMW und Philips, war stellvertretender Vorstandschef der deutschen Reederei Hapag Lloyd, war Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Telekom, und bei E.ON, der früheren Veba und bei der Bayer AG. Als einziger Ausländer berief ihn der damalige deutsche Kanzler Helmut Kohl nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 in die Treuhandgesellschaft, die die ehemaligen DDR-Betriebe privatisierte und verkaufte. Mit Helmut Kohl hatte André Leysen ein gutes, ja freundschaftliches Verhältnis. Leysen war auch ein großzügiger Spender, der den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden finanziell unterstütze.

Als überzeugter Europäer war er Vorstandsmitglied im Karls-Preiskomitee der Stadt Aachen. Als Kunstliebhaber war er Vorsitzender der Munt-Oper in Brüssel und des Rubenshauses in Antwerpen. 2008 stiftete Leysen den Karl der Große-Preis für Jugendliche. Die belgische König Baudouin-Stiftung konnte dank einer großzügigen Spende von ihm und seiner Frau Anne 2008 ein wertvolles Gemälde von Henri Evepoel ankaufen.

 

André Leysen aber hatte auch Selbstspott und Selbstkritik. In seinem Buch ,,Hinter dem Spiegel‘‘ enthüllte er 1996 seine Kollaboration mit Nazi-Deutschland und beschrieb wie er die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges mit der flämischen Exil-Regierung im zerbombten Berlin erlebte. Denn André Leysen wurde 1943 Mitglied der Hitlerjugend in Flandern und ging später auf die Deutsche Schule in Antwerpen und danach auf die ,,Reichsführerschule‘‘ nach Postdam. In dem Buch ,,Hinter dem Spiegel‘‘ rechnet er selbst mit dieser Periode in seinem eindrucksvollen Leben ab und distanziert sich erneut klipp und klar vom Nationalsozialismus, dem er als junger Mensch auf dem Leim gegangen war.

André Leysen litt schon zwanzig Jahre an der Parkinsonschen Krankheit. Er trug es mit Fassung und sagte: ,,Man stirbt nicht davon, sondern man stirbt mit dieser Krankheit. Sie tut nicht weh und so habe ich beschlossen, dass ich nicht krank bin.‘‘ Das war André Leysen, ein Optimist mit Selbstironie, der sich als erfolgreicher Unternehmer immer auch vehement in den gesellschaftlichen Dialog einmischte und sich für die Gesellschaft in humanitärer und kultureller Hinsicht engagierte.

 

13/7/2015

 

/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag

 

 

 

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